Wie kann ein Geschichtsunterricht beginnen, der neugierig auf Vergangenheit macht? In der Klasse 8c lag die Antwort zu Beginn des Schuljahres buchstäblich auf den Tischen: Die Schülerinnen und Schüler brachten Geschichte von zu Hause mit.
Als Einstimmung auf den Geschichtsunterricht beschäftigte sich die Klasse mit gegenständlichen Quellen. Jede und jeder sollte den ältesten oder persönlich interessantesten Gegenstand aus dem eigenen Zuhause mitbringen und der Klasse vorstellen. Was dabei zusammenkam, war eine überraschend vielfältige Sammlung: alte Münzen, Fossilien und eine historische Brille, Briefmarkensammlungen, Ringe, ein altes Zigarrenetui, eine Bibel vom Ende des 19. Jahrhunderts, die Kopfhörer eines Funkers und alte Taschenuhren – um nur einige davon zu nennen. Für besonderes Staunen sorgten eine Übungsgasmaske aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs sowie Gegenstände mit persönlichen Geschichten über Krieg und Kriegsverletzungen.
Entscheidend war dabei nicht nur das Alter der Gegenstände. Jede Schülerin und jeder Schüler stellte den eigenen Gegenstand vor, erklärte seine Herkunft, seine frühere Verwendung und vor allem, warum gerade dieses Stück ausgewählt worden war. So wurde aus einem alten Gegenstand eine ganz persönliche Verbindung zur Vergangenheit.
Drei Beispiele zeigen, wie unterschiedlich diese Geschichten sein konnten:
Eine alte Taschenuhr wurde Anfang des 20. Jahrhunderts hergestellt und gehörte einst einem Angestellten am Bahnhof. Sie diente dazu, die genaue Uhrzeit im Arbeitsalltag im Blick zu behalten. Heute befindet sie sich im Besitz der Familie. Besonders faszinierend war, dass sie noch immer funktioniert. Beim Öffnen konnte die Klasse die feine Mechanik des Uhrwerks beobachten. Der Schüler hatte sie ausgewählt, weil ihn gerade der Gegensatz zwischen dem robusten Äußeren und dem fein gearbeiteten Inneren beeindruckte.
Ein Siegelring aus der Mitte des 19. Jahrhunderts gehörte dem Ururgroßvater einer Schülerin und ist damit einer der ältesten Gegenstände ihrer Familie. Auf der Vorderseite ist der Kopf eines römischen Feldherrn zu sehen. Die Schülerin erklärte der Klasse auch die frühere Funktion des Rings: Als Siegelring konnte er in Wachs gedrückt werden, um ein persönliches Siegel zu hinterlassen. So erzählte ein kleines Schmuckstück zugleich etwas über Familiengeschichte und frühere Formen der Beglaubigung.
Besonders eindrucksvoll war eine Gasmaske aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Sie stammt vermutlich aus den 1930er- oder 1940er-Jahren und wurde von Soldaten zum Schutz vor chemischen Kampfstoffen getragen. Die Maske gehörte vermutlich dem Urgroßvater des Schülers, der im Zweiten Weltkrieg war, und befindet sich heute im Familienbesitz. Auch das damalige Hoheitszeichen ist noch zu erkennen. Ausgewählt hatte der Schüler die Gasmaske vor allem wegen dieses persönlichen Bezugs. Geschichte, die sonst vor allem aus Bildern und Texten im Geschichtsbuch bekannt ist, konnte auf diese Weise selbst betrachtet und in den Händen gehalten werden.
Diese drei Beispiele stehen stellvertretend für die vielen persönlichen Vorstellungen der Klasse. Die Schülerinnen und Schüler erfuhren dabei, dass historische Quellen nicht nur in Museen und Archiven zu finden sind. Auch Gegenstände aus dem eigenen Zuhause können wertvolle Spuren der Vergangenheit sein – und manchmal erzählen sie Geschichten, die weit über das hinausgehen, was man auf den ersten Blick erkennen kann.
Bericht und Bilder: Jessica Höfler